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Brioux-Austausch 2017

Viele, viele Bili-Klassen…

… und viele Französisch-2-Klassen – woher die Austauschpartner nehmen?!

Oder: „Sag’mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?“

Ein uraltes Konzept, das sich bewährt hat und immer wieder erfolgreich Neuauflagen erfährt: Der klassische Schüleraustausch. Schon immer ist er fester Bestandteil des Französischlernens an unserer Schule. Noch immer ist es sehr aufregend, sich in eine fremde Schule und in eine fremde Familie zu wagen. Immer wieder ist es eine echte Herausforderung, den „Ernstfall“ zu erleben und in der Fremdsprache zu kommunizieren. Wie immer setzen wir alles daran, jeder Klasse ein solches Angebot zu machen.

So auch in diesem Jahr, in dem es zunächst eher schlecht aussah: Aufgrund von Veränderungen in der Schulleitung und bei den Kolleginnen schlug unsere langjährige Partnerschule, das Collège René Cassin, für die künftige Zusammenarbeit statt einer Woche in Deutschland und einer Woche in Frankreich mehrere Tagestreffen im Laufe eines Schuljahres vor (die Ähnlichkeit zum Begriff „Eintagsfliege“ ist rein zufällig). Die hätten pro Treffen mindestens ein bis anderthalb Stunden Fahrzeit pro Wegstrecke bedeutet und bei mehreren Treffen immense Fahrtkosten verursacht. Vor allem können solche Begegnungen den Sinn und Nutzen eines Schüleraustauschs in keiner Weise ersetzen, weshalb wir nach einem anderen Austauschpartner Ausschau gehalten haben. Und nach langer Suche und mehreren Anläufen auch fündig geworden sind: in Brioux-sur-Boutonne! Begeistert haben wir sofort zugesagt, zumal das Collège St. Exupéry heißt – na, wenn das mal kein gutes Omen ist!

Leider erwiesen sich Flüge und die Bahn trotz Sonderpreisen für Gruppenreisen als zu teuer, sodass wir im Reisebus ganz Frankreich durchmaßen: Über Straßburg und Nancy in Richtung Tours und dann südwärts in Richtung La Rochelle. Denn Brioux liegt etwa 40 Kilometer vor der Atlantikküste auf der Höhe von La Rochelle, also eine Tagesreise weit entfernt von Karlsruhe, und das, obwohl wir direkt an der Grenze zu Frankreich wohnen!

Egal, wir wollten hin, unsere Instrumente und Liedtexte im Gepäck und viel Papier für viele bunte Blumen. Und kamen schließlich auch an, voller Neugier, ganz aufgeregt und gespannt. Und wir sollten nicht enttäuscht werden…

Das vielfältige Programm ist der Tabelle zu entnehmen, minutiös vorbereitet von meiner Kollegin Jessica Memheld. Sie wurde tatkräftig von ihrer Englisch-Kollegin Dominique Guinet unterstützt – offensichtlich sind die Englisch-Kolleginnen überall sehr hilfsbereit und tatkräftig: auch Frau Lanske wurde von einer Englisch-Kollegin, nämlich Frau Lesch-Rey begleitet. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass Sprachenlehrer den Sinn und Zweck solcher Maßnahmen kennen und sie lieben, dass es aber eher selten Schüleraustausche mit England oder gar Amerika gibt. Und bei der Gelegenheit stellte sich heraus, dass sowohl Frau Guinet das Deutsche und Frau Lesch-Rey das Französische sehr gut beherrschen!

Das Programm beinhaltete natürlich zunächst das Kennenlernen des Collège St. Exupéry und seines Schulalltags: Es ging schon los mit dem Appell vor jedem Unterricht, zu dem die Klassen in Reih und Glied aufgestellt im Hof warten. Beim Klingeln kommt dann der Lehrer und holt seine Klasse ab, um mit ihr in den entsprechenden Raum zu gehen. Unterstützung bekommen die Lehrer dabei, und übrigens auch bei der Aufsicht, von den Surveillants. Durch zwei aufwändig gestaltete und von Frau Memheld detailliert vorbereitete Rallyes lernten wir sowohl Brioux als auch das nahegelegene Melle kennen. Letzteres ist übrigens tatsächlich das, in dem Ségolène Royal auf Stimmenfang war. Und ein uraltes, durch Silberminen reich gewordenes Städtchen, das über drei außerordentlich schöne und große romanische Kirchen verfügt. Hierin ähnelt es Freiburg im Breisgau. Auch liegt es an einem wichtigen Zweig des Jakobswegs. Man könnte direkt von Speyer aus loslaufen, um über Melle nach Santiago zu gelangen. Ein solches Programm passte allerdings leider nicht in einen Schüleraustausch. Schade eigentlich.

Im Zentrum unseres Programms stand das Projekt „Sag mir, wo die Blumen sind“, ausgearbeitet und angeleitet vom Musikkollegen Omar Contreras: im gemischten Chor sowie unterstützt von zahlreichen Streichern, Bläsern und am Klavier übten wir für die Aufführung am 8. Mai, an dem in Frankreich wie in Deutschland des Endes des Zweiten Weltkriegs gedacht wird. Gab es früher sicher große Unterschiede in der Stimmung an diesem Tag – hie Freude und Triumph und Überschwang, da Trauer, manchmal sicher auch Bitterkeit, auch Erleichterung über das lang herbeigesehnte Ende des Dritten Reichs – so ähnelt sich die Stimmung und die Hauptaussage dieses Tages inzwischen sicher in allen Ländern Europas: „Nie wieder Krieg! Lasst uns die Hände reichen und ein gemeinsames Europa aufbauen. Gedenken wir gemeinsam der Toten und des großen Leids der Überlebenden, das dieser Krieg gebracht hat.“

Die Zeremonie muss die Bewegendste seit langem gewesen sein, denn so viele Menschen und vor allem so viele junge Menschen waren schon lang nicht mehr dabei. Die Feuerwehr stand Spalier, in Ermangelung einer Blaskappelle kämpfte Musik vom Band gegen den starken Wind im Mikrophon und vorbeifahrende Autos an, der Bürgermeister und weitere Honoratioren richteten ihre Worte an die Versammelten, eine Vertreterin der Gemeinde verlas den Brief des Ministers, und der Pfarrer war auch anwesend. Sogar einige Überlebende des Krieges waren dabei. Und dann kam das feierliche Verlesen aller für das Vaterland gefallenen Menschen, vom Deutsch-französischen Krieg (1870 / 71) über den Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) bis hin zum Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945), gefolgt von den im Algerienkrieg gefallenen (1954 – 1962): Vorname, Nachname, „mort pour la France“. Das war eine beeindruckende Litanei, zumal viele der im Ersten Weltkrieg Gefallenen sehr jung waren. Da wurde es auf einmal ganz still.

Bei der Kranzniederlegung schließlich wurde augenfällig, was Worte wie Aussöhnung, Frieden über die Gräber hinweg und Völkerfreundschaft bedeuten: Ein Gebinde wurde von den Veteranen niedergelegt, und ein zweites haben sie zwei Schülern in die Hände gelegt, einem Franzosen und einer Deutschen. Vor lauter Aufregung mussten sie ein bisschen kichern, was der ganzen Zeremonie etwas Pathos genommen und jugendliche Fröhlichkeit und Menschlichkeit gegeben hat. Die Tragweite dieser Geste wird ihnen vermutlich erst in späteren Jahren voll und ganz bewusst… Völlig überraschend erfolgte dann noch die Verleihung der Ehrenmedaille von Brioux an uns deutsche Kolleginnen, für die Verdienste um die Deutsch-Französische Freundschaft – im Namen meiner Kolleginnen Frau Memheld, Frau Guinet, Herr Contreras und stellvertretend für alle Schülerinnen und Schüler, die sich bei diesem Projekt engagiert haben, nahmen wir sie gern an. Quel honneur!

Gegen Ende der Zeremonie ertönten schon die Klänge der Europahymne aus der Kirche, die die perfekte Überleitung zu unserem musikalischen Beitrag darstellte. Wegen des kühlen, leicht regnerischen Wetters und der besseren Klangqualität hatte die katholische Gemeinde die direkt neben dem Monument aux Morts gelegene Kirche geöffnet. Nach vielen Proben in der Schule und auch einer Stell- und Generalprobe vor Ort erklang dann das wunderbare Anti-Kriegslied „Sag mir, wo die Blumen sind“ in französischer und deutscher Sprache, begleitet von Instrumentalisten aus beiden Ländern, gemeinsam mit den Lehrern gesungen, mit Solistinnen aus Karlsruhe und Brioux. Das Publikum lauschte andächtig, bei vielen älteren Menschen flossen Tränen der Rührung. Wie viele leidvolle Erinnerungen, wieviel Trauer und Kummer, wieviel Verzweiflung und Schmerz hatten die Kriege gebracht, wie unnötig das alles. Die jungen Menschen gemeinsam singend und musizierend zu erleben war ein hoffnungsvolles, berührendes Erlebnis. Nach kräftigem Applaus und einer Zugabe wartete schließlich ein buntes Meer von Origamiblüten auf die Gäste, von den Schülern in Probenpausen angefertigt, und jeder durfte sich eine mitnehmen. Was dann auch alle freudig taten.

Beim anschließenden „Pot de l’amitié“ im Saal des Bürgermeisteramts schließlich konnten alle miteinander anstoßen, sich austauschen und eine kleine Leckerei kosten; ein echter Apéritif, der den offiziellen Teil dieses Feiertags auf angenehme Weise abrundete.

Der anschließende Schultag war der Zusammenfassung des Austauschs in künstlerischer Form gewidmet: Die Schülerinnen und Schüler stellten in Gruppen die ihnen wichtigsten Erlebnisse collagenartig zusammen und gestalteten sie als Blätter von Bäumen aus Laubholz. Und wenn unsere Gäste im Dezember kommen, dann bringen sie die Bäume mit; als Symbol fürs Leben, für Wachstum und für Hoffnung. Wie die Blumen…